aktualisiert am Fri Sep 18 21:14:51 CEST 2009 | dpa/bas
Liebe zwischen Ost und West. (Foto: Imago)
Eigentlich sollte sie ihn hinauswerfen. Die Ost-Berliner Studentin Silke saß im Juni 1987 an der Pforte der Humboldt-Universität ihren Pflichtdienst in den Semesterferien ab, als der 16-jährige Schüler aus dem Rheinland heranschlenderte und sich die Uni ansehen wollte. Doch die galt als Sicherheitsbereich, zu dem Touristen der Zutritt verwehrt war. "Mir war aber langweilig, als Jan vorbeikam", erzählt Silke heute. "Deshalb habe ich ihn nicht kurz abgefertigt, sondern mich auf ein Gespräch eingelassen, und er hat mir Löcher in den Bauch gefragt." Die 19-jährige Anglistikstudentin und der Schüler aus dem Westen schrieben sich dann Briefe. Noch zu Mauerzeiten wurde eine Liebesbeziehung daraus - und Silke und Jan sind noch heute glücklich.
20 Jahre nach dem Mauerfall empfinden sich die Möllmanns noch als etwas Besonderes. "Wir kennen mehrere Ost-West-Paare, aber keines, das sich noch zu DDR-Zeiten begegnet ist", sagt Jan (37). Für das damals so junge Paar waren die letzten beiden Jahre des geteilten Deutschlands eine ebenso schwierige wie aufregende Zeit. Für das erste Wiedersehen im Oktober 1988 brauchte Jan eine offizielle Einladung aus Ost-Berlin, um ein Visum für mehrere Tage zu bekommen. Dem Stiefvater von Silke (40) waren als Abteilungsleiter im DDR-Kulturministerium West-Kontakte verboten. Also lief die Einladung über einen Bekannten, später über Silkes Oma.
Für die Liebe wäre mancher auch in die DDR übergesiedelt. (Foto: Imago)
Gedanke an Umsiedlung
Im Frühjahr 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, trafen sich Jan und Silke zum Urlaub in Prag. Dort beschlossen sie ihr gemeinsames Leben. Doch wie? "Das war schwierig für uns. Ich wäre nie illegal gegangen, weil ich sehr an meiner Familie hänge", beschreibt Ostfrau Silke den Konflikt. "Dass ich sie nicht mehr besuchen kann, war unvorstellbar", sagt Jan. Er war damals 18 und steckte mitten im Abitur. Er habe ernsthaft überlegt, ob er für Silke nicht nach Ost-Berlin ziehen sollte, erzählt der Politologe. "Sogar das Formular zur Übersiedlung hatte ich mir schon besorgt." Silke fällt ihrem Mann bei der Erinnerung resolut ins Wort. "Du hast gesponnen. Mir war klar, dass du im Osten nicht klargekommen wärst mit den ganzen Einschränkungen vom Einkaufen bis zur Meinungsfreiheit. Als gelernter DDR-Bürger weiß man, wie man damit umgehen muss, wir waren angepasster." Doch dann fiel die Mauer und sie konnten zusammen sein.
Ihre Herkunft aus Ost und West spiele im Zusammenleben keine große Rolle, doch Unterschiede gebe es schon, sagt das Paar. "Ich passe mich eher an und traue mich weniger, den Mund aufzumachen", sagt Silke. Jan schaue dagegen immer, ob man Dinge verändern kann. "Die Bereitschaft, Dinge einfach so hinzunehmen, daran wäre ich auf Dauer verreckt in der DDR", sagt Jan. Nach dem Abitur zog der junge Mann im Mai 1990 zu seiner Silke nach Ost-Berlin. Endlich konnten sie heiraten. Mit Ausnahme von zwei Jahren in Aschaffenburg, wo 1998 ihre Tochter Luisa geboren wurde, blieben sie in Berlin. Rückblickend resümiert Silke: "Die deutsche Einheit war für uns persönlich das Beste, was uns passieren konnte. Es war für mich ein großer Einschnitt, und ich möchte es heute nicht anders haben, aber die Jahre danach waren auch eine sehr schwere Zeit." #